Ausstellung Osterstraße

Osterstraße 154, Hamburg DE

Historische Aufnahmen:
Geschichtswerkstatt Eimsbüttel Foto: Karlheinz Hammerich
Aufnahmezeitraum: 1980–1990
und HASPA-Bild
Aufnahmedatum: 1927
Infos: nach erfolgtem Umbau
Geschichtet mit einer Aufnahme von Werner A. Schöffel vom 21. November 2025.

Technik:
Digitaldruck auf Canson Infinity Rag Photographique II, 310 g Baumwolle

Größe:
105 × 105 cm

Baum:
1988 Quercus robur [Stiel-Eiche]

Preis: 650 €

aus der Reihe Elimar & Mariel

… aus dem Begleitheft

 

Photographische Momentaufnahmen im Heute fixieren Wohn- und Geschäftshäuser sowie ihr Umfeld. Aspekte wie die des Wandels, urbaner Identität, Restaurierung, Erhalt versus architektonischer Erneuerung und des Wohnens in einem dynamischen Europa sind Gegenstand meiner Überlegungen.
Diese aktuellen Aufnahmen werden  mit Archivmaterial und selbst erstellten Aufnahmen – die im zeitlichen Abstand wiederholt wurden – kombiniert. Es ist beabsichtigt, so einen Dialog zu den Facetten des Erinnerns zu initiieren.
Erinnerung, Wandel und Vergänglichkeit eines menschengemachten urbanen ­Raumes werden in einem künstlerischen Rahmen thematisiert.

Die Osterstraße in Hamburg
Zunächst die Konzentration auf diese Straße in Hamburg: 73 Gebäude (https://onlinestreet.de/strassen/Osterstra%C3%9Fe.Hamburg.169762.html#in_der_strasse), 388,89 m lang (https://www.strassenkatalog.de/osm/osterstrasse,30071047w.html), fertiggestellt 1863/64 (https://www.eimsbuetteler-nachrichten.de/jubilaeum-160-jahre-osterstrasse-hamburg-eimsbuettel/). Heute ist die Osterstraße eine belebte Wohn- und Einkaufsstraße in Eimsbüttel, jenem Dorf, das vor 750 Jahren erstmals erwähnt wurde.
Getreu dem Motto der Geschichtswerkstätten Grabe wo, du stehst ist mein Leitspruch Photographiere auch, wo du lebst.

Europa, Deine Häuser
Die Ausstellung ·osterstraße· fokussiert sich auf eine Straße in Hamburg. Bereits 2017 beschäftigte ich mich mit dem Stadtteil Eimsbüttel – in dem ich lebe und sich die Osterstraße befindet. Die damals gemachten Bilder wurden in der Ausstellung ·­Elimar & Mariel· – in der Galerie Morgenland – gezeigt. Beide Arbeiten korrespondieren mit dem Inhalt einer weiteren aktuellen Serie namens ·Traurige Häuser·.
Die große Klammer um all diese Arbeiten ist mein Werkzyklus ·Europa, Deine Häuser·.

Zeitformationen
All diesen Arbeiten gemeinsam ist das Übereinanderschichten und Collagieren von Aufnahmen, die entweder historisch sind oder von mir in Abständen von mehreren Jahren erstellt wurden bzw. noch gemacht werden. Dabei werden die unterschiedlichen Aufnahmen – verschmolzen – zu einem erratischen visuellen Ausdruck gebracht. Ein visueller Ausdruck, der Erinnertes und kürzlich Wahrgenommenes vermengt: undeutlich, überlappend, trennend, verschmelzend. Adäquat zu unseren Erinnerungen, die meist undeutlich und lückenhaft sind.
Meine Arbeitsweise will sich nicht als Speicher von Geschichte und Geschichten verstanden wissen, vielmehr die Instabilität von Erinnerung sichtbar machen. Indem ich die Bilder verbinde, verlange ich vom Betrachter, die Gleichzeitigkeit auszuhalten.
Im deutschen Wort »Geschichte« steckt offensichtlich unsere Sicht auf Historisches, wir stellen uns Epochen  als hintereinandergelagerte Folge und somit als Schichtungen vor, die sich mehr oder minder überlagern.
Die Erstellung der Ausstellung erfolgt digital. Dabei wird das Miteinander der Schichten als Ebenen im Bildbearbeitungsprogramm nebst einer individuellen Durchlässigkeit von opak über transparent bis transluzent definiert; es entsteht eine Formation, eine Zeitformation.

»Die Fassade wird aufrechterhalten.«
Die abgestützte Fassade ist für Besucher augenfällig. Dahinter ist nichts mehr, was davon zeugen könnte, wer hier einst wohnte, liebte, Konflikte austrug oder einfach nur zu Hause war.
Eine Fassade ohne Haus ist ein ontologisches Paradoxon – sie repräsentiert eine Identität, die physisch nicht mehr existiert. Das Gebäude wird zum Skelett, das nur noch als Versprechen oder Spekulationsobjekt dient.
Es sind deutliche, radikale Zeichen inmitten ansonsten intakter Straßenzüge. Einerseits sind sie bedingt Denkmäler. Andererseits zeigen die Fassaden noch etwas: den Willen, (wenigstens) diese Fassaden zu erhalten, um später vielleicht wieder etwas Neues dahinter entstehen zu lassen.
Sie gehören nicht zu vergessenen, achtlos am Rande stehenden verfallenen Häusern. Die Fassade schwebt in der Gegenwart, ihrer ursprünglichen Identität beraubt inmitten des urbanen Raums und verharrt gleichzeitig zwischen Vergangenheit und Zukunft – die Fassade als Hoffnungsträger, als vielschichtiges Spekulationsobjekt, als Symbol des Wandels?

Aspekt Zeit
Es gibt eine Grundkonstante der Wirklichkeit, die uns, seit der Mensch begonnen hat, über die Welt und seine Bedingtheit in ihr zu reflektieren, mehr Rätsel aufgibt als alles andere: die Zeit. (Aus ·Zeit, Illusion und Narration· – Eröffnungsrede zu Werner A. ­Schöffels Ausstellung ·Elimar & Mariel· von Dr. ­Thomas J. ­Piesbergen, Galerie Morgenland, Hamburg, 2017)

Zeit ist [unumkehrbarer] Wandel …
Diese Zeitfenster miteinander zu verknüpfen, würde also bedeuten, zu imaginieren und aus der subjektiven Erfahrungswelt hinauszugreifen in die Konstruktion einer nicht mehr erfahrbaren Geschichte, so zu tun, als gäbe es nicht den Spalt zwischen fließender Gegenwart und erstarrtem Muster. Doch geht es W. A. Schöffel eben nicht um das vordergründige Geschichtenerzählen, sondern darum, diese vielfältigen Prozesse des Abgleichs spürbar zu machen und sich dadurch unserer Orientierung in der Zeit zu nähern. Deshalb bleiben alle Imaginationen, alle Konstruktionen möglicher Erzählstränge und alles Zusammenfügen dem Betrachter überlassen. (Aus ·Zeit, Illusion und Narration· – Eröffnungsrede zu Werner A. ­Schöffels Ausstellung ·Elimar & Mariel· von Dr. ­Thomas J. ­Piesbergen, Galerie Morgenland, Hamburg, 2017)

Ein vielschichtiger Dialog soll so entstehen.

Einerseits repräsentiert die Architektur einen manifest gewordenen gesellschaftlichen Status quo. Wir geben unseren Vorstellungen von Hierarchie und sozialer Segmentierung, von Kontrolle, Zugehörigkeit und Abgrenzung mit der Architektur konkrete Formen. In dieser Gestalt können sich unsere Vorstellungen als Elemente non-verbaler Kommunikation reproduzieren und gewinnen dadurch eine überzeitliche Dimension. Es sind steingewordene Muster unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die durch die Zeit erst einmal unverändert bleiben und sich den folgenden Generationen mitteilen und ihnen ihren Stempel aufdrücken können. (Aus ·Zeit, Illusion und Narration· – Eröffnungsrede zu Werner A. ­Schöffels Ausstellung ·Elimar & Mariel· von Dr. ­Thomas J. ­Piesbergen, Galerie Morgenland, Hamburg, 2017)

Es wird eine Verknüpfung von Gleichem mit Gleichem gesucht; es ist ein Abgleich von Mustern, Muster, die bekannt sind oder neu erfahren werden.

In ·Die helle Kammer· [Buchtitel] von Roland Barthes heißt es: Wichtig ist, dass das photographische Bild eine bestätigende Kraft besitzt und dass die Zeugenschaft der Photographie sich nicht auf das Objekt, sondern auf die Zeit bezieht.

Was W. A. Schöffel in den Arbeiten dieses Werkkomplexes ganz bewusst vermeidet, ist die Narration. Es wäre natürlich sehr gefällig, zwischen dem Vergangenen und dem Heutigen Verbindungen zu knüpfen und die Bilder so zu inszenieren, dass sie geschlossene Entwicklungen und Erzählstränge nahelegen. Doch wie legitim wären solche Narrationen und auf welcher Wirklichkeitsebene spielten sie sich ab? (Aus ·Zeit, Illusion und Narration· – Eröffnungsrede zu Werner A. ­Schöffels Ausstellung ·Elimar & Mariel· von Dr. ­Thomas J. ­Piesbergen, Galerie Morgenland, Hamburg, 2017)

Ruinen
Ruinen sind Gebäude mit Bedeutung; es sind Relikte einer verflossenen Welt; Ruinen werden heute gerne medial inszeniert – man muss nur den Suchbegriff »Lost Places« in eine Internet-Suchmaschine eingeben.
Die Ruine zeigt eine prekäre Balance von erhaltener Form und Verfall, von Natur und Geschichte, Gewalt und Frieden, Erinnerung und Gegenwart, Trauer und Erlösungssehnsucht, wie sie von keinem intakten Bauwerk oder Kunstobjekt erreicht wird. (In: D. Kamper / Chr. Wulf (Hg.): Der Schein des Schönen; Göttingen 1989, S. 287-304. Hartmut Böhme Die Ästhetik der Ruinen)
Was interessiert uns an diesen inhumanen verlassenen Stätten? Weshalb beschäftigen wir uns medial derart damit?  Wie kaputt muss etwas sein, damit es eine Ruine ist? Welchen visuellen Impuls muss die Ruine haben, damit wir nicht achtlos an ihr vorübergehen?
Architektur ist zuerst Gewalt, etwas Vorhandenes muss Platz machen, muss weg, damit das Neue gebaut werden kann. Der ganze geschichtliche Prozess der Menschheit ist ein allmähliches Herr-werden des Geistes über die Natur, die er außer sich – aber in gewissem Sinne auch in sich – vorfindet. (Georg Simmel – https://socio.ch/sim/verschiedenes/1907/ruine.htm)
Im Sinne von Georg Simmel ist die Ruine dann […] nichts anderes, als dass die bloß natürlichen Kräfte über das Menschenwerk Herr zu werden beginnen: Die Gleichung zwischen Natur und Geist, die das Bauwerk darstellte, verschiebt sich zugunsten der Natur.
Diese Verschiebung schlägt in eine kosmische Tragik aus, die für unser Empfinden jede Ruine in den Schatten der Wehmut rückt, denn jetzt erscheint der Verfall als die Rache der Natur für die Vergewaltigung, die der Geist ihr durch die Formung nach seinem Bilde angetan hat. (Georg Simmel – https://socio.ch/sim/verschiedenes/1907/ruine.htm)
Beim Betrachten der Ruine ist man häufig bestrebt, das, was sich zeigt, ungeschehen zu ­machen.
Meine Arbeit ist kein gleichgültiges Ästhetisieren von vernachlässigter Architektur.

Zuhause
In den 60er-Jahren bauten die Deutschen Einfamilienhäuser.
Das Eigenheim als Modell in der europäischen Kultur-Stadtlandschaft repräsentiert ein Verlangen nach einem Zuhause: Das bundesdeutsche Eigenheim seit Konrad Adenauers Zeiten der solideste Ideologieziegel im antibolschewistischen Schutzwall. (aus ·Der ganz normale Wohn-Sinn· von Von Thomas Grasberger BR 2023)
Der Wunsch nach einem Zuhause im Eigenheim mündete in den letzten Jahrzehnten in einem schier grenzenlosen Flächen- und Ressourcenverbrauch, 55 Hektar täglich werden in Deutschland zubetoniert. (aus ·Der ganz normale Wohn-Sinn· von Von Thomas Grasberger BR 2023)
Die Osterstraße bietet mit Mehrfamilienhäusern vielen Menschen ein Zuhause und hat bis vor kurzem eine Entwicklung mit den Einfamilienhäusern gemeinsam: Der Pro-Kopf-Wohnflächenanspruch ist von 18,4 qm (1956) auf 49,2 qm (2024) gewachsen, gleichzeitig sank die durchschnittliche Anzahl der Bewohner je Haushalt von 2,9 Personen (1961) auf zwei Personen (2021). (https://www.nbau.org/2026/01/28/aktuell-wohnflachen-in-deutschland-schrumpfen-wieder-ursachen-und-ausblick/)

Fazit
Diese Arbeit beabsichtigt, all jene Menschen anzusprechen, die sich für einen künstlerischen Blick auf die urbane Transformation interessieren.
Mir liegt es fern, Geschichten zu erzählen. Im Idealfall lösen die Bilder beim Betrachter eigene Gedanken und Gefühle aus; der Rezipient führt einen stillen Dialog mit sich und den Bildern. Der imaginäre Raum zwischen Bild und Rezipient füllt sich. Es sind aber Vermutungen, und die Rezipienten werden konsequent zurückgeworfen auf das, was gesehen wird; es wird gedeutet und (be-) urteilt. Der Betrachter kann vom Konsumenten einer selbsterzählten Geschichte zum Erforschenden des Bildes werden.
Selbst die Deutlichkeit dieser Photographien aus mehreren Jahrzehnten stellt die Funktion der Photographie als Medium des Erinnerns substanziell infrage. Meine Bilder verstehen sich als Initial, sich selbst ein Bild zu machen.

Für Kunstinteressierte reiht sich das Konzept nahtlos in das bisherige künstlerische Werk ein, das durch die Aspekte Dauer und Vergehen, Zeit, Erinnerung und Vergänglichkeit geprägt ist.